Die Kunst des Lebens lernen

Blaschke, Ronald: Die Kunst des Lebens lernen, 2010 (in: Sachsens Linke, Linke Zeitung mit Beiträgen aus Politik, Wirtschaft, Kultur. Parteiisch, politisch, unbequem, Maiausgabe 2010, S. 1)

Die Vorschläge von Rechten bis Linken zur Ankurbelung und antizyklischen Stabilisierung der Wirtschaft, die auf den Theorien von John Maynard Keynes fußen, kennt fast Jede/r. Keynes hat aber weiter gedacht: „Wir werden wieder diejenigen ehren, die uns lehren, der Stunde und dem Tage tugendhaft und gut gerecht zu werden, jene köstlichen Menschen, die zu einem unmittelbaren Genuß der Dinge fähig sind, die Lilien des Feldes, die sich nicht mühen und die nicht spinnen.“

Diese Haltung zu ehren sei vonnöten, weil die Lösung der wirtschaftlichen Aufgaben der Menschheit in einhundert Jahren infolge des technologischen Fortschritts in Sicht sei. So sah es Keynes 1930 in der Schrift „Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder“. Keynes sah aber auch, dass es in unserer Gesellschaft einer gewaltigen Kulturleistung bedarf, die Kunst des Lebens (wieder) zu entdecken. Denn „nur diejenigen Völker, die die Kunst des Lebens selbst in sich lebendig halten und zu immer höherer Vollkommenheit entwickeln können, die nicht ihr Selbst an die Mittel des Lebens verkaufen, werden fähig sein, den Überfluß zu genießen.“ Wenn das Mittel des Lebens, die Wirtschaft, seine Aufgabe gelöst hat, wäre eine kulturelle Abkehr von der profit‑, geld‑ und arbeitsgetriebenen Produktions‑ und Konsumtionsweise und von damit verbundenem Wachstum nötig. Es müsse Muße, Muse und der unmittelbare Genuss des Lebens (wieder‑)erlernt werden. Gelänge das nicht, droht Keynes zufolge ein „allgemeiner Nervenzusammenbruch“. Ein-Drei-Stunden-Tag oder eine Fünfzehn-Stunden-Woche könne nun zwar die notwendige kulturelle Anpassungsleistung noch eine lange Weile hinausschieben, aber nicht ersetzen, so Keynes.

Erich Fromm empfahl bereits 1966 eine weitere politische Maßnahme: „Tatsache ist […], daß die meisten Menschen psychologisch immer noch in den ökonomischen Bedingungen des Mangels befangen sind, während die industrialisierte Welt im Begriff ist, in ein neues Zeitalter des ökonomischen Überflusses einzutreten. Aber wegen dieser psychologischen ‚Phasenverschiebung‘ sind viele Menschen nicht einmal imstande, neue Ideen wie die eines garantierten Einkommens zu begreifen, denn traditionelle Ideen werden gewöhnlich von Gefühlen bestimmt, die ihren Ursprung in früheren Gesellschaften haben.“

Das Grundeinkommen, welches nach einer parteiinternen Studie nunmehr mehrheitlich in der Bevölkerung und in der Wählerschaft der Partei DIE LINKE befürwortet wird, ist eine Belohnung für die kulturelle Leistung, solidarisch mit Erwerbslosen, selbstbestimmter und weniger wirtschaftlich tätig zu sein. So hatte es schon der DGB-Chef Michael Sommer 2002 in einem Interview zum Thema Arbeitszeitverkürzung gesehen: „Wer eine Auszeit aus dem Berufsleben nehmen will, der sollte ein steuerfinanziertes einheitliches Grundeinkommen erhalten, damit er ausreichend abgesichert ist und sein Lebensmodell verwirklichen kann.“

Das Grundeinkommen, ausgeweitet auf alle Menschen, ist letztlich eine monetäre Unterstützung für die notwendige kulturelle Anpassungsleistung: für mehr Muße und Muse, für Kultur, Bildung und Kunst. Das sind Tätigkeitsfelder, die Karl Marx für die volle Fähigkeitsentwicklung des Individuums als notwendig ansah. Eine dritte Maßnahme wäre das, was André Gorz 1997 in seinem Buch „Arbeit zwischen Misere und Utopie“ neben der Arbeitszeitverkürzung und dem Grundeinkommen forderte: Freiräume für selbstorganisierte kulturelle, künstlerische und soziale Betätigungen jenseits wirtschaftlicher Zweckhaftigkeit. Diese sind dann nicht dazu da, die Arbeitsgesellschaft durch die Umwandlung dieser Tätigkeiten in Lohnarbeit zu retten, wie einige Linkskeynesianer meinen, sondern um dem „Nervenzusammenbruch“ zu entgehen und die Kunst des genussvollen Lebens wieder zu erlernen. Die drei genannten politischen Maßnahmen zusammen könnten aus dem nervösen Schrei nach Arbeitsplätzen und Wachstum einen wohlartikulierten Ruf nach einer Kulturgesellschaft werden lassen.

02.02.15

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